//AUF DER SUCHE NACH DER IDENTITÄT EINER GANZEN REGION

//BÖLL ARCHITEKTEN, ESSEN
Der Bergbau ist aus dem Ruhrgebiet verschwunden, nicht jedoch seine Spuren. Einst geprägt von Kohle und Stahl, ist das Ruhrgebiet im Herzen NRWs heute eine lebenswerte Kulturregion, die spätestens seit der Internationalen Bauausstellung Emscher Park in den 90er Jahren auch über die Landesgrenzen hinaus bekannt ist – und mit ihr auch das baukulturelle Erbe, das bis heute fortbesteht.

Die IBA brachte den Wandel der gesamten Region mit sich und prägte auch die angrenzenden Städte. Anstatt die ungenutzten Industriebauten abzureißen und durch Neubauten zu ersetzen, erhielt man sie als identitätsstiftende Bauwerke und hauchte ihnen neues Leben ein. Ein wesentlicher Protagonist hierbei war der Architekt Heinrich Böll mit seinem Büro Böll Architekten, das unter anderem für die Umnutzung der Zeche Zollverein verantwortlich ist. Im Jahr 1940 geboren, erlebte Böll den gesamten Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg – eine Zeit, die vom Mangel geprägt war. Das sei jedoch eine andere Art von Ressourcenknappheit gewesen als die, von der heute im Kontext des Klimawandels die Rede ist, erklärt sein langjähriger Mitarbeiter und heutiger Geschäftsführer Achim Pfeiffer. Dennoch, glaubt er, habe Böll aus dieser Zeit, in der man prinzipiell nichts wegschmiss, eine große Wertschätzung gegenüber dem Bestehenden mitgenommen. Bis heute setzt sich das Büro für den Erhalt von Orten und Gebäuden ein, die in der Bedeutungslosigkeit zu versinken drohen, und trägt damit zur anhaltenden Identitätsentwicklung bei.

Heute wird das Umfeld der alten Samtweberei bereits als „Samtweberviertel“ bezeichnet.
„Es geht darum, die Identität aus der Geschichte des Hauses zu nutzen und in die Zukunft zu übertragen. Das kann ein Neubau nicht.“
Achim Pfeiffer über die Umnutzung der Alten Samtweberei in Krefeld
//EIN VIERTEL IM AUFSCHWUNG
So auch im Falle der alten Samtweberei in Krefeld, die seit ihrer Inbetriebnahme im Jahr 1890 fester Bestandteil der städtischen Textilindustrie war. Mit Einstellung des Betriebs war das umgebende Quartier, wie so viele andere Industriestandorte der Region, den sozialen Folgen des Strukturwandels ausgesetzt. Die Stadt Krefeld erkannte jedoch das städtebauliche wie architektonische Potenzial und initiierte gemeinsam mit der Montag Stiftung eine Reaktivierung der Immobilien zugunsten der sozialen und kulturellen Entwicklung des gesamten Stadtteils. Auf Basis ihrer Machbarkeitsstudie bauten Böll Architekten einen Großteil der vorhandenen Gebäude zu Arbeits- und Wohnflächen um. Während die Büros in unsaniertem Zustand an Kreativschaffende, Studierende sowie Initiativen aus dem Viertel übergeben wurden, erhielten die 32 Wohnungen ein hofseitiges, vorgestelltes Laubengangsystem mit Gemeinschaftsterrassen. Abgesehen von dieser Ergänzung blieb die äußere Gestalt erhalten, zu der auch die zum Innenhof geneigten Pultdächer sowie das markante Sheddach der Halle in besagtem Hof zählen. Im Gegensatz zu einem Neubau, bei dem man sich in der Regel immer Gedanken zur Dachform mache, sei der Erhalt der formalen Gegebenheiten hier eine Selbstverständlichkeit gewesen, die zu keinem Zeitpunkt infrage gestellt worden sei. Wie sich dieses Projekt auf den Stadtteil auswirke, müsse man sehen, meint Pfeiffer. Schließlich gebe es noch andere Faktoren wie Schulen und Kitas oder ein Mobilitätskonzept. Jedoch habe die Reaktivierung der alten Samtweberei einen Impuls gegeben, der für die Identität des Viertels eine bedeutende Rolle spiele.
Heute beherbergt das alte Pumpenhaus Gastronomie und ein Besucherzentrum.
//EINFACH, ABER NICHT BANAL
Der Begriff „Identität“ fällt im Gespräch mit Achim Pfeiffer immer wieder. Einerseits sei diese im Ruhrgebiet auch 20 Jahre nach der Bauausstellung noch immer schwach. Andererseits bedinge diese Schwäche einen unwahrscheinlich offenen Aktionsraum und gestalterische Freiheiten. In Bochum beispielsweise gaben Böll Architekten einem alten Pumpenhaus ein radikal verändertes Erscheinungsbild. Ein dunkelgraues Trapezblech überzieht Fassade wie Satteldach und schützt die dahinter liegende neue Außendämmung. Das ehemals sichtbare, mit Ziegeln ausgefachte Stahltragwerk prägt noch den Innenraum. Die äußere Gestalt dagegen wurde auf ein Minimum reduziert, erscheint aber keinesfalls banal: Der ursprüngliche Dachüberstand, außen liegende Regenrinnen und -rohre sind verschwunden zugunsten einer monochromen Hülle. Sie erinnert auf zeitgemäße Weise an den Urtypus eines Hauses, ohne die Geschichte des Ortes außer Acht zu lassen.

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