//BESTEHENDES NUTZEN, BAUKULTUR WAHREN

Um- statt Neubau lautet das architektonische Gebot der Stunde. Doch dabei geht es keineswegs nur um Ressourcenschonung und eine möglichst nachhaltige Nutzung grauer Energie. Mindestens ebenso wichtig ist die Weiterentwicklung gewachsener Strukturen und der Erhalt des baukulturellen Erbes.

Spätestens seit der Verleihung des Pritzker-Preises 2021 an Lacaton & Vassal dürfte auch interessierten Laien klar sein: wegweisende Architektur ist längst nicht mehr ausschließlich mit spektakulären Neubauprojekten verbunden. Vielmehr ist es oft der Umgang mit Bestehendem, an dem sich zukunftsgewandtes Bauen zeigt. Es gilt nicht nur, die Vorgaben der Bauherren hinsichtlich geplanter Nutzung, das Kostenbudget sowie die umgebende Bebauung miteinzubeziehen. Auch jede bestehende Wand kann zur buchstäblichen Grenze für gestalterische Ambitionen werden. Glücklicherweise zeichnet sich eine gelungene Umbaumaßnahme meist nicht durch ein besonders gutes Kaschieren der Gegebenheiten aus, sondern gerade durch einen kreativen Umgang mit ihnen.

Das Steildach ist in diesem Kontext von doppeltem Wert: Zum einen prägt es als „Visitenkarte des Hauses“ die äußere Erscheinung des Bestands. Zum anderen bietet es die Möglichkeit, bisher ungenutzten Raum zu aktivieren, ohne eine gestaltverändernde Aufstockung vornehmen zu müssen. Gerade im Zusammenspiel aus ästhetischen und funktionalen Aspekten ist wohl der Grund zu suchen, warum sich das steile Dach bei Umnutzungsmaßnahmen so großer Beliebtheit erfreut und – entgegen aktuellen, ökonomisch geprägten Neubauentwicklungen – auch selten infrage gestellt wird.

Der von Reinhard Riemerschmid entworfene Sakralbau bot mit seinem Walmdach viel Platz für Wohnraum.
//VOM KIRCHENGESTÜHL ZUM STUDIERENDENBETT

Ein besonders markantes Beispiel für das Prinzip, einer alten Hülle neuen Wert zu verleihen, findet sich mit der Gerhard-Uhlhorn-Kirche in Hannover, die von (pfitzner moorkens) architekten unter Berücksichtigung des Denkmalschutzes und der religiösen Vorgeschichte in ein Studierendenwohnheim umfunktioniert wurde. Die Architekt*innen machten sich den Gestaltungsspielraum zunutze, den das bis zu 21 Meter hohe Walmdach über dem Kirchenschiff bietet. Eine feinfühlig umgesetzte, doppelstöckige Haus-in-Haus-Lösung beherbergt nun einen Großteil der 27 Apartments sowie eine 500 m2 große Gemeinschaftsfläche.

In gewachsenen Strukturen europäischer Prägung sind steile Dächer darüber hinaus fester Bestandteil der Baukultur und verbinden als solche Vergangenheit und Moderne. Im oberpfälzischen Lauterhofen wurde deshalb eine stark sanierungsbedürftige Mälze nicht rückgebaut, sondern von Berschneider + Berschneider zu einem kulturellen Treffpunkt weiterentwickelt. Die teilweise Entfernung von Decken und das anschließende Einbringen einer Galerieebene direkt im Spitzboden ermöglichen nun verschiedene Nutzungen zur gleichen Zeit. Auf diese Weise wird ein kultureller Bogen vom 17. Jahrhundert bis in die Gegenwart geschlagen, der „emotionale Ressourcen“ aktiviert und für kommende Generationen zugänglich macht.

Die freigelegte Dachkonstruktion bietet in der alten Mälze ein stilvolles wie geschichtsträchtiges Ambiente.
//FIXPUNKTE IM RAUM

Umnutzung steht – abstrakt formuliert – für das Neue im Alten, kann aber auch umgekehrt funktionieren: In Aalen entstand aus den Überresten einer Bahnverwaltungsund Ausbesserungsanlage aus dem 19. Jahrhundert der Kulturbahnhof „KUBAA“. Der Komplex wurde als gesellschaftlicher Fixpunkt einer Konversionsfläche vom Stuttgarter Büro a+r zurück ins Leben geholt.

Projekte wie diese machen deutlich, welch identitätsstiftendes Potenzial einzelne Umbaumaßnahmen für das gesamte Umfeld haben können. Sie erzählen Geschichten von dem, was war und was kommen könnte. Sie ermöglichen die Verortung ganzer Nachbarschaften, in diesem Fall des Neubauquartiers „Stadtoval“, in einem historisch gewachsenen städtebaulichen Kontext. Und nicht zuletzt sendet eine Kultur des Umbauens das deutliche Signal: Bauen heißt Verantwortung übernehmen – gesellschaftlich und ökologisch.

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