//DIE 8 STEHT FÜR „ACHTSAMKEIT“

//ARCHITEKTURBÜRO KLÄRLE, BAD MERGENTHEIM
Wer sich mit der Architektur von Rolf Klärle befasst, erkennt schnell zwei wesentliche Merkmale, die sich wie ein roter Faden durch seine Arbeit ziehen: seine Begeisterung für das Bauen im Bestand und der ländliche Kontext. Für seine Achtsamkeit im Umgang mit Ressourcen und menschlichen Bedürfnissen gilt er heute als einer der Visionäre in der Nachhaltigkeitsdebatte der deutschen Architektur.
Dass Rolf Klärle einen starken Bezug zu dörflichen Strukturen und damit auch Steildächern hat, ist nicht überraschend. Aufgewachsen ist er in Schäftersheim, einem 700-Seelen-Dörfchen im Nordosten BadenWürttembergs. Er weiß das Leben auf dem Land zu schätzen und kennt die Bedeutung von Ortskernen für das Leben der Bewohner. In die Jahre gekommene Altbauten, die für Außenstehende eher abwertend wirken mögen, sieht er als Chance, um das Dorf zu erneuern. Mit „Erneuerung“ meint er nicht abreißen und neu bauen, sondern den Bestand erhalten und weiterentwickeln, ohne seine Herkunft und die damit verbundenen Erinnerungen zu verschleiern.
Für seine nachhaltige Aufwertung wurde der HOF8 mit dem Sonderpreis des deutschen Nachhaltigkeitspreises ausgezeichnet. Die verschieden hohen Tonnendächer sind inspiriert von der bewegten Topografie des Taubertals.
„Wir kombinierten den „Hof“ mit seiner Hausnummer 8. Der Name suggeriert Achtsamkeit im Umgang mit Materialien und Menschen. Die Zahl liegend betrachtet, steht außerdem für Unendlichkeit, einen geschlossenen Kreislauf, in dem nichts verloren geht.“
Rolf Klärle über den umgebauten HOF8 im tauberfränkischen Schäftersheim
//EIN BAUERNHOF MIT ZUKUNFT

Umso erfreulicher war es für ihn, als seine Schwester Martina Klärle mit einem Auftrag aus seinem Heimatdorf auf ihn zukam. Sie hatte die alte Hofanlage im Zentrum von Schäftersheim gekauft, um sie vor dem Abriss zu retten. Ihre Pläne zur Erneuerung der Dorfmitte verfolgten dabei aber ein noch höheres Ziel: Der zukünftige HOF8 sollte verdeutlichen, dass der Erhalt ländlicher Strukturen möglich ist – und zwar unter Einhaltung einer hohen Gestaltungsqualität, energetischer Aspekte und eines vertretbaren wirtschaftlichen Rahmens.

Gemäß dem Leitsatz „Geboren werden – arbeiten – alt werden“ beherbergen Scheune, Bauerhaus und Remise heute eine Hebammenpraxis, die Büroräume der Bauherrin sowie zwei Seniorenwohnungen. Die Anordnung des Ensembles und seine archaische Formensprache mit den nutzungstypischen Satteldächern blieben erhalten. Über eine vertikale Holzlattung, die sich über die gesamte Fassade sowie Teile der Dachflächen zieht, fasste Kläre die differenzierten Funktionen zusammen.

//ZIELSETZUNG „PLUSENERGIEHOF“
Heute, rund sechs Jahre nach seiner Fertigstellung, ist der HOF8 wieder – und vielleicht noch mehr als vorher – ein Ort, mit dem sich die Bewohner gerne identifizieren und der als Treffpunkt seine gestalterischen und emotionalen Werte auf zeitgenössische Art zu vermitteln weiß. Bei aller Behutsamkeit, die hierfür im Umgang mit dem Bestand nötig war, galt es auch, den hohen energetischen Anforderungen gerecht zu werden: Als „Plusenergiehof“ konzipiert, produziert die neue Hofanlage einen Überschuss von 80 Prozent in Bezug auf den Verbrauch von Strom und Wärme. Die dunkel schimmernde Photovoltaik-Anlage, die dazu in den größten Teil der Satteldächer integriert wurde, fügt sich selbstverständlich in das Gesamtbild ein. Vollflächig und bündig mit Ortgängen und Traufen wirkt sie wie die eigentliche Dachhaut der Gebäude und versorgt den gesamten HOF8 sowie fünf Elektroautos als Teil eines Carsharing-Projektes für die Bewohner mit Strom.
//SCHNAPS BRENNEN, RESSOURCEN NUTZEN
In einem Gewerbegebiet in Bad Mergentheim zwischen Kartbahn und Kieswerk steht die Brennerei Herz. Obwohl Lage und Bauaufgabe auf den ersten Blick nicht so recht in das Portfolio von Rolf Klärle passen mögen, schaffte er es auch hier, Architektur und Nachhaltigkeit auf beispielhafte Weise unter dem steilen Dach zu vereinen. Über den neuen Produktions- und Verkaufsräumen des lokalen Familienunternehmens reihen sich vier verschieden hohe Tonnendächer aneinander, die dem Gebäude ein markantes Aussehen verleihen. Das Element des Außergewöhnlichen setzt sich auch im Inneren fort: Roher Sichtbeton trifft auf eine natürliche Holzbekleidung an der Unterseite des Tonnengewölbes. Und auch hier ließ es sich Kläre nicht nehmen, vorhandenes Potenzial für energetische Zwecke zu nutzen. Das heiße Abwasser wird nach dem Brennvorgang in einen Schacht geleitet und sorgt dort für die Grundwärme des Gebäudes. Solarzellen auf dem Dach des Lagers machen den Solitär schließlich autark.

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