//RAUM VERSCHENKEN, LEBENSQUALITÄT GEWINNEN?

Ein Kommentar von Dirk Landwehr von Trapez Architektur aus Hamburg über sein Empfinden von Dachräumen.

Die Holzdielen knarzen, der Lichtschalter wird gedrückt. Leise tapern kleine Füße auf Socken die steile Holzstiege empor. Eine flackernde Glühbirne gibt gerade so viel Licht, dass sich die wachen Augen schnell an die Dunkelheit gewöhnen und all die dort verborgenen Schätze erspähen können.

Viele von uns erinnern sich wahrscheinlich an das Gefühl, wagemutig und gespannt auf den Dachboden der Großeltern geklettert zu sein. Vielleicht war es das Unbekannte, die speziellen Gerüche oder der Reiz schwer zugänglicher Bereiche zwischen alten Schränken und Dachschrägen. Ganz oben ist es schön. Und ganz unten? Der Keller kommt bei der Betrachtung weniger gut weg. Angst, Beklemmung oder Spuk haften ihm an. Aber warum ist das so? Warum fühlen wir uns unterm Dach geborgen? Vielleicht sind es die Lichtstimmung, die Raumatmosphäre oder die Proportion. Vielleicht ist es aber auch einfach nur das Gefühl: Ich bin ganz oben, und nur das Dach trennt mich von der Umgebung. Für mich sind Dachräume inspirierende Orte: Die atelierartige, lichtdurchflutete Atmosphäre und die meist unverbaute Aussicht sind einfach charmant. Ob im Neubau oder mit dem Flair freigelegter Dachbalken in historischer Bausubstanz, kein Dachraum gleicht dem nächsten. Sie sind ein Segen, wenn sie gut gestaltet sind.

Studi-Bude, Luxus-Loft oder Museumsarchitektur: Der eingangs beschriebene Dachboden ist heute größtenteils passé. Zu groß die Wohnungsnot, zu hoch das Potenzial, unterm Dach auch zu leben. Fast verschwunden sind auch die Vorurteile, dass es im Winter viel zu kalt, im Sommer viel zu heiß und außerdem immer zugig sei. Trotzdem: Ein Steildach zu bauen gehört immer weniger zum Standardrepertoire der Architekten. Weil sie es einfach nicht so häufig tun. Die von Investoren oft gewünschte und weit verbreitete Realität: Klötzchenbau mit Schlitzfenstern – möglichst raumausnutzend, günstig und hocheffizient. „Zeitgemäße Baukultur“ nennen es die Investoren oder „urbane Wohnsiedlungen“. Ob das Dach und großzügig gestaltete Dachräume das Allheilmittel für bessere Architektur sind? Sicher nicht. Aber sie sind vielleicht ein Schritt in die richtige Richtung. Warum? Weil es angenehm wohltuend ist, einen Raum zu betreten, der nicht nach renditeoptimierter Flächeneffizienz schreit und in dem eine Geschossdecke der nächsten folgt. Er kann ja trotzdem effizient sein, dabei gleichzeitig aber charmant und einprägsam.

Wir planen viel für die öffentliche Hand, die sich der Baukultur nur schwer entziehen kann. Mein Wunsch für die Zukunft? Ob flach oder geneigt, es täte der Architektur sehr gut, wenn architektonische Qualität bei Investoren endlich als Marktwert erkannt würde. Dazu gehört auch die Bereitschaft, mal Raum zu verschenken, um Lebensqualität zu gewinnen.

Gastkommentare in stadt/land/dach geben stets die Meinung der jeweiligen Gastautoren wieder und nicht explizit die der Herausgeber.
Maßgeschneidert und lichtdurchflutet: Die Liebe zum Detail findet sich auch im „Schwarzen Haus“ von Thomas Kröger Architekten wieder.

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