//Angepasste Individualität

Nahe dem historischen Buddenturm in Münster ragt der First des spitzen Satteldaches gen Himmel. Auf den ersten Blick wie selbstverständlich, auf den zweiten Blick viel mehr als das. Es scheint, als tanze der Baukörper aus der Reihe der sprossenbefensterten, dachüberständigen und charakteristischen Altbauten.
Der Neubau ersetzt auf gleicher Grundfläche ein altes Gebäude, das aufgrund seiner schlechten Bausubstanz und mehrfacher unzulänglicher Überbauungen und Ergänzungen nicht mehr sinnvoll zu erhalten war. Das Büro hehnpohl architektur bda macht es sich bei all seinen Projekten zum Prinzip, einen Planungsansatz zu wählen, der sich aus der Aufgabe und dem Ort heraus entwickelt. „Die Wahl eines Steildachs ist dabei immer eine mögliche Option, aber keine Ideologie“, erläutert Christian Pohl den Entwurfsansatz des Büros. In ihrem Ansatz berücksichtigen die Planer stets die baugeschichtlichen Bezüge und schätzen die Qualität tradierter Typologien und Konstruktionen. So auch in Münster. Der Bebauungsplan und die Münsteraner Altstadtsatzung ließen an dieser Stelle nur ein Satteldach zu. Eine andere Dachform wäre aus Sicht der Architekten aus städtebaulichen und gestalterischen Gründen an diesem Platz aber ohnehin keine Option gewesen.
Moderne Interpretation von Gestalt, Ausdruck und Materialität.
//Geneigter Giebel
Eine klare Linienführung, präzise Giebellinien und eine Ziegelfassade prägen den Entwurf mit der eigenwilligen horizontalen, fächerartigen Fassadenaufteilung. Aufbauend auf den Fluchten der umgebenden Bebauung wachsen die Geschosse nach oben hin immer weiter über die Erdgeschossmauern. Wenige großformatige Fenster gewähren Einblick in den Baukörper und Ausblicke auf den Buddenturm. Innen setzt sich die klare, puristische Gestaltung fort. Wenige Materialien, Holzböden, Sichtbeton und puristische Wandoberflächen prägen die Wohnräume. Einen zweiten Blick lohnt das oberste Geschoss: Die holzverschalten Dachschrägen verleihen dem speziellen, leicht spitzwinkeligen Raum unter dem First einen warmen, wohnlichen Charakter. Die außen ablesbare, geschossweise Staffelung spiegelt sich auch im Innenraum wider. Von unten nach oben immer größer werdend, öffnet sich das Treppenhaus zum Tageslicht, das durch Öffnungen an den Traufwänden und im First in das Haus strömt.
//Eingeschmiegt in Baukultur
Durch die Prämierung mit dem „Deutschen Ziegelpreis 2019“ hat die Aufmerksamkeit für den Bau deutlich zugenommen. Die Idee des Projekts, Themen wie Anpassung und Eigenständigkeit auszuloten und eine zeitgenössische Interpretation historischer Bezüge anzubieten, hat für eine sehr positive Resonanz gesorgt. Wohnen hinterm Giebel, angepasst und abgehoben, sensibel und selbstbewusst. Hier greift das eine ins andere: die Symbiose einer strengen Gestaltungssatzung und einer hohen architektonischen Qualität, die wie selbstverständlich harmonieren.

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