//Goethe mochte es steil

//Von Prof. Jan R. Krause
Hochschule Bochum, Architektur Media Management AMM
Erstlingswerk mit Steildach

Alle zwei Jahre wartet die Architekturwelt voller Spannung auf den Bauwelt-Preis „Das erste Haus“. Prämiert werden Erstlingswerke von Architekten aus der ganzen Welt. Der Architekturpreis präsentiert neue Namen und neue Ideen. Er ist DAS Trendbarometer der Branche: Wie tickt die nächste Architektengeneration? Was sind ihre Motive? Was sind ihre Themen? Sechs Preisträger wurden ausgezeichnet: alles Architekturen mit einem geneigten oder geschwungenen Dach..

Der Bauwelt-Preis 2019 ist entschieden. Erstlingswerke von Architektinnen und Architekten aus 38 Ländern waren zu begutachten. Die sechs Preisträger stammen aus Japan, Spanien und Deutschland. Bemerkenswert ist trotz aller Unterschiedlichkeit der Standorte und Bauaufgaben: Bei allen Häusern spielt die Typologie des Daches eine wesentliche Rolle im Gesamtentwurf. Die Konzepte sind radikal, funktional, skulptural. Das gilt gleichermaßen für die formale Geste wie für die innenräumliche Atmosphäre. Die nächste Generation beweist Mut in Materialwahl und Detaillierung. Sie bezieht Position zum gesellschaftlichen und urbanen Kontext. Auch die Jury dieses einzigartigen Architekturpreises zeigt Größe, indem sie nicht gefälligen Mainstream prämiert, sondern junge Architekten belohnt, die mit ihrem ersten Haus Impulse für künftige urbane Entwicklungen setzen. So würdigen die Jurymitglieder Eva Maria Lang, Jörg Stollmann, Felix Reiner, Kaye Geipel, Verena von Beckerath und Nicole Kerstin Berganski, „dass gerade auch das kleine Architekturprojekt zum aktiven Dreh- und Angelpunkt städtischer Veränderung werden kann.“

Die Bandbreite der prämierten Arbeiten umfasst Sanierungen und Neubauten. Im Hafen von Valencia gelang der Design-Kooperative rellam die behutsame und zugleich selbstbewusste Sanierung einer historischen Lagerhalle mit einer prägnanten Dachlandschaft. Indem die Architekten mit einer blickdurchlässigen Polyester-Membran das Gebäude temporär ertüchtigten, steigerten sie die Attraktivität des imposanten Raumes unter dem historischen Dach so sehr, dass darüber erst die Mittel für die Komplettsanierung freigegeben wurden. Ein weiteres Sanierungsbeispiel aus Spanien ist die ironisch-kritische Renovierung eines typischen Satteldachhauses aus Zeiten des Baubooms. Hier gelingt es dem Architekten Lluís Alexandre Casanovas Blanco durch die Inszenierung der innenräumlichen Qualitäten aus einer trivialen Investorenarchitektur ein neues Raumerlebnis machen. Um ein Raumerlebnis der besonderen Art geht es auch bei dem Kindergarten im japanischen Yamanashi. Der Architekt Takashige Yamashita öffnet das Haus mit skulptural geschwungenen und leicht verdrehten Dächern zum Ort. Er wünscht sich, mit dieser gekurvten Dachskulptur „eine Herzkammer des nachbarschaftlichen Lebens zu schaffen, in der sich Menschen versammeln wie unter einem großen Baum.“ Auch skulptural, aber wesentlich disziplinierter kommt das Ausstellungsgebäude „Futurium“ von Richter und Musikowski im Zentrum Berlins daher. Die schmetterlingsförmige Auffaltung des Baukörpers verleiht dem Futurium visuelle Prägnanz zwischen Spree und Stadtbahnviadukt. Die leicht geneigten Dächer sind fast vollständig mit solaren Energiekollektoren für Photovoltaik und Solarthermie belegt. Neben diesen skulpturalen Projekten wirkt das ausgezeichnete Wohnhaus in Dresden fast klassisch. Das Satteldachhaus besticht jedoch durch seine formale und konstruktive Radikalität. Die Leipziger Architekten Summacumfemmer transformierten eine Systembaukonstruktion mit Wellplattendach aus dem Agrarsektor zum gestaltprägenden Element für das Einfamilienhaus. Noch einen Schritt weiter gehen die Münchner Architekten Westner Schührer Zöhrer. Ihr Ateliergebäude für einen Künstler entspricht formal dem Archetypus eines Satteldachhauses: Rotes Mauerwerk, schwarzes Dach, grüner Garten. Ein großes Dachfenster bringt Nordlicht in den Innenraum. Soweit ist die Welt noch in Ordnung. Doch dann kommt die radikale Übersetzung in Konstruktion und Materialität. Entstanden ist in einer ehemals illegalen Siedlung im Münchner Norden ein Haus mit einem Raum, gebaut aus einer Schicht roh belassener und einfach gefügter Materialien. „Es ein roher, robuster Raum, der eine konzentrierte innere Welt herausarbeitet“, sagen die Architekten. Was will man mehr?

Tipp: Bauwelt 01/2019 lesen:
https://baumuenchen.com/rahmenprogramm/veranstaltungskalender/index.php/mmg/eventdatabase/de/detail/12083/BAU2019A?type=eventdatabase

Bauwelt-Preis „Das erste Haus“. Ein Atelierhaus für den Künstler Markus Oehlen in einer ehemals illegalen Siedlung im Münchner Norden ist das Erstlingswerk der Architekten Westner Schührer Zöhre.

Fotos: Sebastian Schels